Bertolt Brecht (1939)
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist närrisch. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die schreckliche Nachricht Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind?
Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Lebensunterhalt Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen. Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, Bin ich verloren.)
Man sagt mir: Iss und trink du! Sei froh, dass du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich es dem Hungrenden abringe, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich.
Ich wäre gerne auch weise. In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit Ohne Furcht verbringen Auch ohne Gewalt auskommen Böses mit Gutem vergelten Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise. Alles das kann ich nicht: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Truly, I live in dark times! An innocent word is foolish. A smooth brow Indicates insensitivity. The one who laughs Has simply not yet received The terrible news.
What kind of times are these, when A conversation about trees is almost a crime Because it implies silence about so many atrocities! That man walking calmly across the street— Is he beyond the reach of his friends Who are in need?
It is true: I still earn my living But believe me: that is only by chance. Nothing Of what I do gives me the right to eat my fill. By chance I am spared. (If my luck gives out, I am lost.)
They tell me: Eat and drink! Be glad you have it! But how can I eat and drink when I snatch what I eat from the hungry, and My glass of water is missing from one dying of thirst? And yet I eat and drink.
I would also like to be wise. In the old books it says what wisdom is: To stay out of the struggle of the world and spend Your short time without fear Also to manage without violence To pay back evil with good Not to fulfill one's desires, but to forget them Is considered wise. All this I cannot do: Truly, I live in dark times!
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung Als da Hunger herrschte. Unter die Menschen kam ich zur Zeit des Aufruhrs Und ich habe mich mit ihnen empört. So verging meine Zeit Die mir auf Erden gegeben war.
Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten Schlafen legte ich mich unter die Mörder Der Liebe pflegte ich achtlos Und das Bild der Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit Die mir auf Erden gegeben war.
Die Straße führten in die Moräste zu meiner Zeit. Die Sprache verriet mich dem Schlächter. Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit Die mir auf Erden gegeben war.
Die Kräfte waren gering. Das Ziel Lag in großer Ferne Es war deutlicher sichtbar, wenn auch für mich Kaum zu erreichen. So verging meine Zeit Die mir auf Erden gegeben war.
I came to the cities in a time of disorder When hunger reigned there. I came among men in a time of rebellion And I raged together with them. So passed my time Which was given to me on earth.
My food I ate between battles To sleep I lay down among murderers Love I practiced carelessly And nature's beauty I viewed without patience. So passed my time Which was given to me on earth.
The roads led into swamps in my time. Language betrayed me to the slaughterer. There was little I could do. But the rulers Sat more securely without me, or so I hoped. So passed my time Which was given to me on earth.
Our forces were small. The goal Lay in the far distance It was clearly visible, though for me Hardly reachable. So passed my time Which was given to me on earth.
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus dem Flutenschwall In dem wir untergegangen sind Gedenkt Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht Auch der finsteren Zeit Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser. Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit Könnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es soweit sein wird Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unser Mit Nachsicht.
You who will emerge from the flood In which we drowned, Remember, When you speak of our weaknesses, Also the dark time Which you have escaped.
For we went, changing countries more often than shoes, Through the wars of the classes, despairing When there was only injustice and no outrage.
And yet we know: Even hatred against meanness Distorts the features. Even anger against injustice Makes the voice hoarse. Oh, we Who wanted to prepare the ground for friendliness Could not ourselves be friendly.
But you, when the time comes at last Where man is a helper to man, Think of us With indulgence.
Bertolt Brecht (1935)
Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon — Wer baute es so viele Male wieder auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war Die Bauleute? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz Nur Paläste für seine Bewohner? Jeder Hausbau In dem goldnen Atlantis — brüllten da nicht die Ertrinkenden in der Nacht? Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen.
Who built Seven-gated Thebes? In the books you will find the names of kings. Did the kings haul up the lumps of rock? And Babylon, many times destroyed — Who rebuilt it so many times? In which houses Of gold-glittering Lima did the builders live? Where did the masons go on the evening the Great Wall of China Was finished? Great Rome Is full of triumphal arches. Who set them up? Over whom Did the Caesars triumph? Did praised Byzantium Have only palaces for its inhabitants? Even in legendary Atlantis — On the night the ocean swallowed it, did not the drowning bellow for their slaves? Young Alexander conquered India. Was he alone? Caesar defeated the Gauls. Did he not have at least a cook with him? Philip of Spain wept when his fleet Went down. Was he the only one who wept? Frederick the Second won the Seven Years' War. Who Else won it? Every page a victory. Who cooked the feast for the victors? Every ten years a great man. Who paid the bill? So many reports. So many questions.
Bertolt Brecht (1932)
Lerne das Einfachste! Für die Deren Zeit gekommen ist Ist es nie zu spät! Lerne das ABC; es genügt nicht, aber Lerne es! Lass es dich nicht verdrießen! Fange an! Du musst alles wissen! Du musst die Führung übernehmen. Lerne, Mann im Asyl! Lerne, Mann im Gefängnis! Lerne, Frau in der Küche! Lerne, Sechzigjährige! Du musst die Führung übernehmen. Suche die Schule auf, Obdachloser! Verschaffe dir Wissen, Frierender! Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe. Du musst die Führung übernehmen. Scheue dich nicht zu fragen, Genosse! Lass dir nichts einreden Sieh selber nach! Was du nicht selber weißt Weißt du nicht. Prüfe die Rechnung Du musst sie bezahlen. Setze den Finger auf jeden Posten Frage: wie kommt er hierher? Du musst die Führung übernehmen.
Learn the simplest things! For those Whose time has come It is never too late! Learn the ABCs; it is not enough, but Learn them! Do not let it discourage you! Begin! You must know everything! You must take leadership. Learn, man in the asylum! Learn, man in the prison! Learn, woman in the kitchen! Learn, sixty-year-old! You must take leadership. Seek out the school, homeless person! Acquire knowledge, you who freeze! Hungry one, reach for the book: it is a weapon. You must take leadership. Do not be afraid to ask questions, comrade! Do not let them talk you into anything Look for yourself! What you do not know yourself You do not know. Check the bill You have to pay it. Put your finger on every item Ask: how did it get here? You must take leadership.